Cornelia Müller: Eckemförde - Kaum war er fertig, wurde er verrissen: der 1995 eröffnete Ostseeküsten-Radwanderweg, Schleswig-Holsteins erste ausgeschilderte Fernwanderroute für Radtouristen. Auf Krampf an der Küste entlang, dafür aber oft holperig oder gar an vielbefahrenen Straßen, monierten Kritiker. Außerdem seien die Routen nicht beschrieben, Hinweisschilder längst in den Rucksäcken der Souvenirjäger verschwunden. Jens Uwe Mollenhauer, Radkartenautor aus Kiel, hat jetzt eine Variante des Kartenmaterials in handlicherem DIN-A-5-Format auf den Markt gebracht. KN-Redakteurin Comelia Müller testete eine der Alternativstrecken Mollenhauers, deren Beschreibung sich wohltuend von den nüchtemen Karten des Ostseebäderverbandes unterscheidet.
"Nicht immer ist das, was vom weichen Bürosessel aus zum Radwanderweg erklärt wurde, auch wirklich radtourtauglich", leitet der Autor mit einem Seitenhieb auf die Ursprungskarte ein. Die "dringende Warnung" vor bestimmten offiziellen Abschnitten nehme ich ernst und entscheide mich für die Tour Eckernförde-Schleswig. Von dort leitet Mollenhauer Radler wechselnd an beiden Schleiufern bis nach Kappeln. Er moniert zu Recht, daß ein Großteil der Küstenstrecke Eckernförde-Kappeln in den Ferienmonaten stark befahren ist und Uferabschnitte zudem so sandig sind, daß manche Gangschaltung den Geist aufgibt. Erwartungsfroh starte ich an der Eckernförder KN-Redaktion am Hafen. Zum Glück ist mir der Blick auf das Windebyer Noor nur kurz verwehrt, an dem die Strecke entlangführt: Ich muß höllisch aufpassen, daß den Reifen nicht das Schnittgut der Weißdornhecken zum Verhängnis wird. Nach wenigen hundert Metern darf ich auf breitem Weg in die Pedalen treten, aber in Kochendorf endet das rasante Vergnügen. Der Verbindungsweg Richtung Möhlhorst gibt einen Vorgeschmack darauf, was Mollenhauer als "radtourtauglich" toleriert: eine steinige Schüttelpartie zwischen romantischen Knicks. Die wenigen Asphaltkilometer bis Götheby, wo die B 76 überquert wird, und der Schleiblick machen alle Pein wett. Aber sie sind nur Verschnaufpause: In Fleckeby mache ich erstmals drei Kreuze, daß mein Rad 21 Gänge hat, ich keinen Radanhänger besitze und auch keine Freundin mit Kindern zum Mitkommen überredet habe. Wer die Strecke nach Schleswig als Autofahrer kennt, ahnt kaum, daß die Eiszeit unweit der Bundestraße ungezählte kurze, steile Hügel aufgehäuft hat. Mollenhauer wollte sie offenkundig alle bezwingen, besonders, wenn Kopfsteinpflaster herausfordert. Immerhin: Wald- und Sandwege wie das Kopfsteinpflaster verschweigt er nicht. Mich verleitet der Blick auf die Karte beinahe, Fahrdorf auf der breiteren Kreisstraße entgegenzustrampeln. Aber ich besinne mich, lasse mich über Borgwedel und Stexwig umleiten und bin jedesmal versöhnt, wenn sich das Schleipanorama eröffnet. Die letzten fünf Kilometer bis Schleswig sind ein Klacks. Zurück nehme ich trotz aller Aus- und Einsichten auf 28 Kilometern den Radweg an der B 76. Der aalglatte Untergrund mit sanften Steigungen ist nicht nur fünf Kilometer kürzer, sondern mit einer Stunde Fahrzeit bei Rückenwind um die Hälfte schneller. Und lauter: Erst jetzt merke ich, daß ich auf dem Hinweg nur fünf Autos begegnet bin, wenn das kein Kriterium ist...
Jens Uwe Mollenhauer: "Ostseeküsten-Radwanderweg für Genießer", Kartenbuch mit Wegbeschreibungen und vielen Tips inklusive Infos über Bahnverbindungen. Es ist gerade bei Projekt Nord, Kiel, erschienen und kostet 24,80 Mark.